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Kampener Sünden

Eine Nacht mit Curd Jürgens

Über die legendären Strandparties von Kampen kursieren auch heute noch die wildesten Geschichten. Hier erzählt Andreas Odenwald, Insulaner mit derzeitigem Wohnsitz München, wie er und seine Schulfreunde einst eine Kampener "Prominentenorgie" beobachteten.

Der Weg über die Kampener Heide zum Weststrand herunter führt vorbei an dem Restaurant „Sturmhaube“ und dem prächtigen reetgedeckten Anwesen „Kliffende“, das hier, wie der Name schon sagt, den Endpunkt des steil abfallenden und nicht begehbaren „Roten Kliffs“ markiert. Das Kliff, zwischen dieser Stelle und Wenningstedt viereinhalb Kilometer lang, besteht aus eisenhaltigem Lehm, der besonders in der Abendsonne feuerrot leuchtet – ständige Herausforderung an Generationen von Postkartenfotografen. Sturmfluten, Regengüsse und Frost haben ihm über die Jahrhunderte arg zugesetzt; der jährliche Landverlust durch Auswaschungen und Abbrüche variiert zwischen einem und vier Metern. „Kliffende“, ein Steinwurf vom kleineren der beiden örtlichen Leuchttürme entfernt, ist ein Stück Kampener Geschichte. 1923 als Gästehaus erbaut, hat es vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg Scharen von prominenten Besuchern beherbergt, vorwiegend Arbeiter des Geistes und Diener der Kunst, darunter Thomas und Klaus Mann, Ernst Rowohlt, Emil Nolde, Renée Sintenis, Erich Kleiber.

1921 war Thomas Mann zum ersten Mal auf Sylt und wohnte in Wenningstedt. Von der Brandung der rauen Nordsee war der Abkömmling der ruhigen Ostseeküste so beeindruckt, dass er der Insel, im 1924 erschienenen Zauberberg zu ihrem bis heute bedeutendsten literarischen Zeugnis verholfen hat: „Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen Gittern die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen schlundtief ergähnen ließ. Dann hatte er gebadet, während ein Strandwärter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen." Im „Kliffende“ wohnte Thomas Mann 1927. Er ließ sich im Anzug und mit einer Manuskriptmappe unter dem Arm am Strand fotografieren und schrieb seinem Bruder Heinrich in einem Brief: „Die Reize dieser Insel sind karg und keusch und lenken den Sinn auf Grog.“ Und leicht zerknirscht fügte er hinzu: „Außer unförderlichen Kleinigkeiten ist nichts zustande gekommen.“ Dafür lief er dann im Gästebuch der legendären „Kliffende“-Wirtin Clara Tiedemann wieder zur Hochform auf: „Nicht Glück oder Unglück – der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt. An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt, und was es aufregte, das wird, gebe es Gott, irgendwie einmal ehrenhaft fruchtbar werden.“

Von 1955 an diente „Kliffende“ der Deutschen Bank als Gästehaus für ihre leitenden Angestellten. Gut vierzig Jahre später und inzwischen bedenklich nahe an der Wasserkante angekommen, ging das geschichts- und geschichtenträchtige Anwesen in den Besitz eines offenbar millionenschweren Geschäftsmannes über, der es dem öffentlichen Interesse weitgehend entzogen hat. Nur noch wenige Neugierige spähen herüber, wenn sie am letzten Haus Kampens vorbei marschieren. Am Ende dieses kühlen Tages ist es am Strand fast menschenleer. Nur noch ein paar Surfer in ihren enganliegenden schwarzen Gummianzügen tänzeln und balancieren auf den Brettern über die Wellenkämme. Der Wind ist schwächer geworden, die Wolkendecke aufgerissen. Freundliche Abendsonne bescheint dieses Strandareal, das einst unter der Bezeichnung „Buhne 16“ als der Sylter Sündenpfuhl schlechthin galt.

Buhnen sind Spundwände aus Stahl, die vor mehr als einem halben Jahrhundert rechtwinklig zum Strand etwa hundert Meter weit ins Meer gebaut und bis zu neun Meter tief in den Meeresgrund gerammt wurden, um vor schädlichen Strömungen zu schützen und Sandablagerungen zu ermöglichen. Längst gilt die Methode als unwirksam, weshalb die meisten Buhnen wieder entfernt wurden. Vor den nicht oder nur kümmerlich markierten Resten dieser rostbraunen Ungetüme ist beim Baden allerhöchste Wachsamkeit geboten. Zwischen List und Westerland gab es noch zu meiner Kindheit etwa 50 intakte Buhnen, die alle durchnummeriert waren und zwar oberhalb des Strandes, auf der Düne, mittels einer großen, weithin sichtbaren Tafel.

„Buhne 16“ stand über dem Nacktbadestrand von Kampen und, in den 50er und 60er Jahren, über so manchem Illustriertenartikel, der sich mit dem angeblich so zügel- und schamlosen Treiben der Inselprominenz beschäftigte. Namen wie der des Krupp-Generalbevollmächtigten Berthold Beitz, des Playboys Gunter Sachs, des Verlegers Axel Springer und seines „Bild“-Chefredakteurs Peter Boenisch, des Konzernerben Friedrich Karl Flick, des Fernsehjournalisten Werner Höfer, des Berliner Filmstars Horst Buchholz wurden genannt. Die Liste könnte man beliebig fortsetzen und aus einem Prominentenarchiv jener Jahre einfach abschreiben. Fast alle, die damals Rang und Namen hatten, waren irgendwann mal hier. In lauschigen Nächten, bei Vollmond und Champagner, sollen die wüstesten Feste abgegangen sein, wobei als weibliche Teilnehmer meistens nicht die Ehefrauen oder festen Freundinnen genannt wurden, sondern Mannequins (das war damals die Berufsbezeichnung der Mädchen, die heute Models heißen), Starlets und ungenannte höhere Töchter aus reichen Familien.

Es war die Zeit, als ich in Westerland aufs Gymnasium ging. Mein Berufswunsch stand zwar damals noch nicht fest, wohl aber muss es da schon einen Hang zur Recherche gegeben haben. So kam es, dass mein Klassenkamerad Werner und ich eines schönen Tages beschlossen, eine echte Kampener Prominentenorgie an „Buhne 16“ zu beobachten und zu belauschen. Es war Hochsommer und, so wussten wir durch unsere Kampener Verbindungsleute, jede Menge Prominenz vor Ort, darunter der Schauspieler Curd Jürgens, der als Partylöwe und Frauenheld einen Ruf wie Donnerhall genoss. Zur Abrundung unseres „Undercover“-Auftrittes nahmen wir zwei Mädchen aus der Klasse mit, Maike und Karin. Die Nacht war sternenklar. Wir rückten zwei Strandkörbe zusammen, tranken Bier aus Flaschen, rauchten und gaben uns so dekadent-kampenmäßig, wie es einheimische Halbwüchsige eben hinbekommen. Außerdem hatten wir ein Kofferadio dabei und darauf „Radio Luxembourg“ eingestellt, den abends in englischer Sprache sendenden Rock’n’Roll-Kanal. Tatsächlich saßen in unserer unmittelbaren Nähe, ebenfalls in zusammengerückten Strandkörben, Curd Jürgens mit einem Mädchen mit bayerischem Zungenschlag, der Berliner Boxer Gustav „Bubi“ Scholz mit seiner Frau, der berühmte Geiger Helmut Zacharias, solo, plus zwei Mädels, die sich als Kellnerinnen von der Tagesschicht in der „Kupferkanne“ entpuppten. Sie tranken, tatsächlich, Champagner, wovon sie drei Flaschen dabei hatten. Sie waren, tatsächlich, bester Laune, was man aus ihrem Lachen heraushören konnte. Die Männer nahmen, tatsächlich, reihum die weiblichen Wesen immer mal wieder in den Arm und drückten sie liebevoll. Alle, die beiden Kellnerinnen etwas weniger intensiv als der Rest, schauten immer wieder ergriffen aufs Meer und rühmten die Schönheit der Insel und die göttliche Harmonie des Sternenhimmels.

Es kam dann, was wir später als den „erzählerischen Teil“ der Strandparty bezeichneten. Die Männer steuerten Anekdoten aus ihrem abwechslungsreichen Leben bei. Bubi Scholz holte weit aus und ließ uns alle nicht nur an einem seiner spektakulären Siege im Boxring, sondern auch an der anschließenden Siegesfeier mit Schlägerei teilhaben. Das dauerte schon mal eine halbe Stunde. Der Geiger Zacharias, der dem Champagner besonders freudig zusprach, berichtete empört von einem Disput mit dem Hamburger Orchesterchef und Plattenproduzenten Bert Kaempfert. Der hatte unlängst für eine Schallplattenaufnahme von ihm, Zacharias, verlangt, den Jazzstandard „Sweet Georgia Brown“ statt in As, wie er es gewohnt war, in F zu spielen, und zwar aus dem Stegreif. Diese wahrhaft unfassbare Skandalgeschichte zog sich schon deshalb quälend in die Länge, weil Helmut Zacharias beide Versionen, die in As und die in F, jeweils mehrfach vortrug. Doch am längsten redete Curd Jürgens. Er sprudelte über vor Anekdoten von Dreharbeiten, von Disputen mit Regisseuren, von Affären und Skandälchen, von lautstarken Auseinandersetzungen mit Kollegen und Kolleginnen in Hotelbars. Man hatte nicht den Eindruck, als sei er gewillt, das Wort je wieder abzugeben. Schließlich mündete sein Beitrag in den berühmten Monolog seiner überzeugendsten Rolle: General Harras in der Verfilmung von Carl Zuckmayers Drama „Des Teufels General“.

Eine der beiden Kellnerinnen war unterdessen, um sich die Beine zu vertreten, in Richtung Wasserkante abgewandert, die andere kam zu uns herüber und bat um eine Zigarette. „Für mich auch eine“, rief Bubi Scholz hinterher, denn seine waren anscheinend aufgeraucht. Wir warfen ihm eine zu, die er geschickt auffing. Die Kellnerin, eine Studentin aus Kiel namens Yvonne, hatte offenbar keine Lust, zur Gruppe zurückzukehren, und ließ sich bei uns häuslich nieder. Wir machten inzwischen keinen Hehl mehr daraus, dass wir noch zur Schule gingen, sprachen im Gegenteil ungeniert über Lehrer und Mitschüler sowie über die Vorkommnisse der letzten Klassenfahrt in den Harz. Dies wiederum veranlasste den Geigenvirtuosen, erneut mit einer Geschichte aufzuwarten, diesmal mit einer aus seiner eigenen, lange zurückliegenden Schulzeit. Dann kehrte allmählich Ruhe ein auf der Nachbarparty, während es bei uns immer lebhafter zuging. Die andere Kellnerin besuchte uns auch mal, und auch Bubi machte sich persönlich auf den Weg, um eine weitere Zigarette abzuholen. Curd Jürgens‘ Begleiterin gähnte und äußerte den Wunsch, nach Hause zu gehen, weil sie morgen in Herrgottsfrühe eine Bootsfahrt zu den Seehundsbänken machen wollte. Frau Scholz war ganz ihrer Meinung. Helmut Zacharias wollte noch in eine Bar. Damit war die Prominentenparty an „Buhne 16“ vorüber. Bis auf Yvonne, die noch ein Weilchen bei uns bleiben wollte, verabschiedeten sich alle von uns, wünschten alles Gute für die Schule und stapften durch den Sand, zwischen den vielen leeren, vom fahlen Mondlicht beschienenen Strandkörben hindurch, in Richtung „Kliffende“. Nach ein paar Metern blieben sie stehen. Curd Jürgens, in diesem Licht riesengroß wirkend und dabei schlaksig, liebenswert kam noch einmal zurück. Er schenkte uns die angebrochene, noch fast volle dritte Champagnerflasche und wiederholte, was er vor einer Minute schon mal gesagt hatte: „Macht’s gut, Kinder.“ Diese Stimme: melodisch, aus der Kehle, die Worte klar und deutlich artikulierend und immer mit einem Hauch von Pathos, ich höre sie heute noch. Unsere Party dauerte bis zwei. Werner und Karin sprangen irgendwann nackt ins Meer und drehten ein paar Runden. Ich schaltete das Radio aus, und wir drei im Strandkorb, Maike, Yvonne und ich, summten und trällerten mehrstimmig „Sweet Georgia Brown“. Allerdings verfügte niemand von uns über das absolute Gehör, so dass wir nicht wussten, ob wir uns in As, in F oder in welcher Tonart sonst bewegten. Wir spekulierten lange darüber, ob wohl Zacharias das absolute oder auch nur ein relatives Gehör habe, und Yvonne versprach, ihn das zu fragen, sollte er morgen in der „Kupferkanne“ einkehren. Nun stehe ich hier an derselben Stelle, fast vierzig Jahre später. Merkwürdigerweise bin ich bis heute nie wieder an Buhne 16 gewesen, jedenfalls nicht hier oben an der Dünenkante, wo sich die Geschichte abspielte. Vielleicht mal unten am Wasser vorbei gewandert und dabei nicht hochgeblickt, das mag sein. Und jetzt plötzlich ist sie wieder da, die Stimmung von damals: derselbe Klang, derselbe Duft. Man hat was von der Welt gesehen in all diesen Jahren. Man hat mit klugen Menschen diniert, interessante Gespräche geführt. Man hat Musik gehört, so wunderbar, dass man hinterher nichts dagegen gehabt hätte, wäre das jetzt alles gewesen auf Erden. Man hat sich vor Sehnsucht verzehrt, hat dumme Sachen gemacht, gelesen und geschrieben, getrunken und inhaliert, phantastische Räusche gehabt.

Doch was ist das alles, in dieser Minute, im Vergleich zu der Nacht, in der der große Curd Jürgens zwar keine wilde, schamlose Party feierte, aber, was unendlich viel schöner war, uns verhinderten Spannern zum Abschied eine dreiviertel volle Flasche Champagner schenkte?

Lust auf Meer?
Mehr von Andreas Odenwald gibts in dem lesenswerten Buch "Sylt - Champagnerluft und Nordseerausch" (ein echter Geschenktipp für Kampenfreunde!) aus der Reihe "Oasen für die Sinne", Fotos Michael Rosch. Diese Reportage stammt aus dem Kapitel "Kampener Sünden".

Erschienen bei Sanssouci, Euro 14,90, ISBN 3-7254-1303-7

 
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