Wie näht der Mann das Dach? Reetdachdecker in Kampen
Ursprünglicher, syltiger geht's nicht: Wenn die Mitarbeiter von Hansi und Jan Finke den Menschen aufs Dach steigen, bleiben Passanten stehen und staunen: Reetdachdecken ist das älteste und vielleicht auch attraktivste Kampener Handwerk.
Früher schnitt man das Reet für's Dachdecken sogar noch in Kampen. Oben bei der Vogelkoje zum Beispiel. Heute wäre die Insel kahl, stammten alle Kampener Reetdächer tatsächlich aus Sylter Rohstoff. Aber die Reetdachdecker, die stammen immer noch aus Kampen.
Ein Reetdach hält - je nachdem, was das Sylter Wetter so mit ihm anstellt - heute zwischen 40 und 60 Jahren. So wunderbar der Naturstoff isoliert, warm im Winter, kühl im Sommer, so teuer ist die attraktive Alternative zum Ziegel: Mindestens 30.000 Euro können für das Eindecken eines Einfamilienhauses grob und sehr pauschal veranschlagt werden. Dafür siehts einfach toll aus und ist nur Natur. Für manchen Urlauber sogar das Synonym für Sylt schlechthin, nicht zuletzt Dank der rigiden Kampener Ortsgestaltungssatzung, die seit 1920 (!) die Verwendung von Reet sogar vorschreibt.
Das Reetdachdecken ist eine Kunst für sich. Über die Jahrhunderte von Generation zu Generation, von Könner zu Junior weitergegeben, ist es überhaupt erst seit wenigen Jahren Lehrberuf und auch das lediglich als spezialisierter "Dachdeckergeselle, Fachrichtung Reet". Mit Maschinen wird man übrigens nix, oben auf dem Reetdach. Nur mit Handarbeit und viel Gefühl.
Das Reetbündel wird von Hand geöffnet, dann werden die einzelnen Halme in Fasson gebracht und gerade gelegt. Im nächsten Schritt wird das Reet unter einen Stock gebracht und kann dann - solchermaßen "vorgebändigt" - mit Haken und Draht an den Dachsparren befestigt, also quasi vernäht werden. Danach wird die Fläche solange geklopft, bis eine plane Fläche entsteht, die mit einer Stärke von bis zu knapp 40 Zentimetern beginnt und Richtung First in einer Dicke von knapp 30 Zentimetern ausläuft.
Seit 1963 ist die Reetdachdeckerei Finke in Kampen zuhause, seit 1983 in der Regie von Hans-Otto Finke, seit dem Jahr 2000 gehört der Sohn des Hauses, Meister und Juniorpartner Jan Finke, zum Team. Kaum ein Haus in Kampen, auf dessen Dach noch nie ein Finke saß. Bis Windstärke acht sind die Reetdachdecker auf dem Dach, runtergeweht hat's noch nie einen. Wenn's zu kalt oder nass wird, ruht die Arbeit im Winter. Dann ziehen die Männer in die Halle und decken Vogelhäuschen oder arbeiten an den markanten insularen Buswartehäuschen, die ebenfalls mit Reet eingedeckt werden. Sylter Reetdachdecker sind Publikumsmagneten, oft weitgereiste und abenteuerlustige Menschen, die sehr schlagfertig sein können. Schließlich sind sie ganz obenauf und haben in der Regel stets den besten Überblick, nicht nur über das Dorf Kampen.
Mit den Finkes auf's Dach (oder zum Dach) kommen Sie im Internet auf www.finke-reetdach.de



