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Heißgeliebt: Kampener Winter

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Mehr Sylt geht nicht. Die Einheimischen haben Zeit. Das Kaminfeuer flackert. Noch keiner war heute vor dir am Strand. Rote Wangen, freier Kopf, Wind von West, klare Sicht und weiter Horizont.

Kampen im Winter zu lieben, heißt gegen die Beliebigkeit anzuleben. Wer jetzt kommt, weiß, was er tut. Und zwar nie das, was alle machen.
Das fängt schon beim Autozug an. Nicht einfach irgendwie losfahren und irgendwann rüberkommen. Aufpassen, Fahrplan lesen, Witterungsbedingungen einkalkulieren. Zug verpasst? Jetzt schauen dir die Damen vom Syltport in Niebüll in die Augen, wenn sie "Moin" sagen und freuen sich auf einen Schwatz über den Tresen hinweg und an der (köstlichen!) Currywurst vorbei. Wer ebenfalls hier im Bistro strandet, auf dem Weg "rüber", ist ein potenzieller Kumpel, aber niemals aufdringlich. Kurzer Augenkontakt. Es liegt bei dir, was du draus machst. Reden oder gemeinsam die Dunkelheit hinter den verglasten Wänden anschweigen. Alles geht.

Nachts auf dem Autozug durchs frostverkrustete Watt unterwegs - ein geheimnisvoller Trip in eine andere Welt. Auf dem Damm sein heißt irgendwie dazwischen zu sein. Zwischen dem normalen Leben auf dem Festland, das den Rhythmus so gern überhört, den die verrinnende Zeit diktiert und der mysteriösen Insel, die sich auf den ersten Blick spröde gibt, aber doch viel offener sein kann als im Juli oder August. Es liegt bei dir, was du draus machst.

Am ersten Tag fällt dein Auto auf. Am zweiten Tag registriert jemand, dass du da bist. Nach dem Wochenende weiß jeder in Kampen, dass du ein spezieller Typ bist und länger bleibst. Nicht jede Kneipe ist auf, viele Läden haben geschlossen. Wo auf ist, ist der Kunde König. Gefremdelt wird nicht. Im Gegenteil: Das Dorf ist neugierig, wer ("Setzen Sie sich doch rüber") da so genau um seinen ganz besonderen eisigen Zauber weiß und verrät großherzig gern ein paar von seinen kleinen Geheimnissen. Vielleicht verschenkt es einen der raren Schneetage, an dem sofort Ausnahmezustand herrscht und die Kinder mit dem Schlitten den Strandniedergang an der Sturmhaube runtersausen. Möglicherweise rutscht man rein in eine spontan zelebrierte Weinprobe, die sich an blankgescheuerten Holztischen ergibt, weil der Wirt jetzt einfach auch mal Spaß haben möchte in diesem Laden, und bis spät in die Nacht dauert. Vielleicht kommt plötzlich die Sonne raus und ein netter Mitarbeiter des Tourismus-Service hat irgendwo mit Absicht genau für diesen Moment einen Strandkorb "vergessen" und nicht ins Winterlager verfrachtet. Möglicherweise laufen die Kinder des Hauses heute Abend einfach Rollschuh in der Hotel-Lobby, was das Händchen voll Zuschauer selten glücklich machen kann - wenn man sich denn noch erinnert, wie herrlich es sein kann, einfach mal was richtig Verbotenes zu tun, und keiner meckert.

Heute ist es stürmisch. So stürmisch, dass man die Haustür kaum aufkriegt und die Autotür beim Aussteigen festhalten muss. Auf dem Kliff lehnt sich ein einsamer Mann mit ausgebreiteten Armen gegen den Wind. Das Meer tobt und brüllt. Jetzt erst recht. Raus. Es wird elementar und existenziell. Das Wetter rückt die eigenen mehr oder weniger sinnvoll zusammengestrickten Wertigkeiten ganz nebenbei zurecht. Und man schläft einfach mal wieder neun Stunden durch. Geweckt wirst du vielleicht von der Stille. Nebel. Weiche, feuchte Nebelluft dämpft jeden Laut, das Dorf ist wattiert, und wo ist der Sturm hingezogen?

Kampen im Winter. Die Menschen haben Zeit und lassen Raum. Raum, um sich näherzukommen oder endlich mal wirklich Ruhe zu haben. Die Natur inszeniert jeden Tag ein neues grandioses großes Schauspiel. Kampen im Winter. Wer sich darauf einlassen kann, ist hochgradig gefährdet, auf ganz neue Gedanken zu kommen. Zum Beispiel auf diesen: Vielleicht sollte man doch irgendwann mal länger, ganz lange oder für immer hier bleiben.

 
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